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Erik Skopp

Beweis durch vollständige Induktion

Wie die vollständige Induktion funktioniert, gezeigt an der Gaußschen Summenformel

Mathematik4 Min. Lesezeit
Mathematische Formeln mit Kreide auf eine Tafel geschrieben
Mathematische Formeln mit Kreide auf eine Tafel geschrieben

Der Induktionsbeweis gehört zu den ersten Beweismethoden, die man im Informatik-Studium lernt. Er beweist eine Aussage für alle natürlichen Zahlen mit nur zwei endlichen Schritten. Der Beweis beruht auf der Induktionseigenschaft der natürlichen Zahlen1.

∑i=1ni=n(n+1)2\sum_{i=1}^{n} i = \frac{n(n+1)}{2}

für alle n∈Nn \in \mathbb{N}. Das Summenzeichen ist nur eine Kurzschreibweise für 1+2+3+⋯+n1 + 2 + 3 + \dots + n.

Schreibt man die Summe SS einmal vorwärts und einmal rückwärts untereinander, ergibt jedes Paar n+1n + 1:

S=1+2+⋯+(n−1)+nS=n+(n−1)+⋯+2+12S=(n+1)+(n+1)+⋯+(n+1)\begin{aligned} S &= 1 + 2 + \dots + (n-1) + n \\ S &= n + (n-1) + \dots + 2 + 1 \\ 2S &= (n+1) + (n+1) + \dots + (n+1) \end{aligned}

Das sind nn Summanden, jeder gleich n+1n + 1:

2S=n(n+1)2S = n(n+1)

Daraus folgt:

S=n(n+1)2S = \frac{n(n+1)}{2}

Video2: „Die Vermessung der Welt - Der junge Gauß in der Schule“ von Das Bergische Bärchen auf YouTube.

Der Beweis gliedert sich im Grunde in fünf Schritte:

  • Induktionsanfang
    • Wir zeigen, dass die Aussage für den kleinsten Fall stimmt.
  • Induktionsvoraussetzung
    • Wir nehmen an, dass die Aussage für ein beliebiges nn gilt.
  • Induktionsschritt
    • Wir zeigen, dass die Aussage dann auch für n+1n + 1 gilt.
  • Induktionsbehauptung
    • Das ist die Aussage, die wir für n+1n + 1 zeigen wollen.
  • Induktionsbeweis
    • Wir rechnen die Behauptung mit Hilfe der Voraussetzung nach.

In manchen Büchern gehören die Behauptung und der Beweis zum Induktionsschritt. Hier trennen wir sie, damit man die einzelnen Schritte besser sieht.

Im Induktionsanfang schauen wir, ob die Formel für den kleinsten Fall stimmt. Das ist hier n=1n = 1. Zur Sicherheit rechnen wir auch n=2n = 2 und n=3n = 3 nach.

Für n=1n = 1:

1=1⋅(1+1)2  ⇔  1=22  ⇔  1=11 = \frac{1 \cdot (1+1)}{2} \;\Leftrightarrow\; 1 = \frac{2}{2} \;\Leftrightarrow\; 1 = 1

Für n=2n = 2:

1+2=2⋅(2+1)2  ⇔  3=62  ⇔  3=31 + 2 = \frac{2 \cdot (2+1)}{2} \;\Leftrightarrow\; 3 = \frac{6}{2} \;\Leftrightarrow\; 3 = 3

Für n=3n = 3:

1+2+3=3⋅(3+1)2  ⇔  6=122  ⇔  6=61 + 2 + 3 = \frac{3 \cdot (3+1)}{2} \;\Leftrightarrow\; 6 = \frac{12}{2} \;\Leftrightarrow\; 6 = 6

In allen drei Fällen sind beide Seiten gleich. Für den Beweis reicht eigentlich schon n=1n = 1. Die anderen beiden Fälle zeigen nur, dass die Formel auch weiter stimmt.

Jetzt nehmen wir an, dass die Formel für ein beliebiges nn stimmt. Das müssen wir nicht beweisen, wir setzen es einfach voraus:

∑i=1ni=n(n+1)2\sum_{i=1}^{n} i = \frac{n(n+1)}{2}

Mit dieser Annahme arbeiten wir im nächsten Schritt weiter.

Jetzt wollen wir zeigen, dass die Formel dann auch für den nächsten Wert n+1n + 1 stimmt. Dazu addieren wir auf beiden Seiten der Voraussetzung n+1n + 1:

∑i=1ni+(n+1)=n(n+1)2+(n+1)\sum_{i=1}^{n} i + (n+1) = \frac{n(n+1)}{2} + (n+1)

Wenn wir in der Formel überall n+1n + 1 statt nn einsetzen, bekommen wir die Behauptung. Das ist genau das, was wir zeigen wollen:

∑i=1n+1i=(n+1)((n+1)+1)2=(n+1)(n+2)2\sum_{i=1}^{n+1} i = \frac{(n+1)\left((n+1)+1\right)}{2} = \frac{(n+1)(n+2)}{2}

Jetzt müssen wir nur noch zeigen, dass die rechte Seite aus dem Induktionsschritt gleich der rechten Seite der Behauptung ist. Dafür klammern wir n+1n + 1 aus und fassen zusammen:

n(n+1)2+(n+1)=n(n+1)2+2(n+1)2=n(n+1)+2(n+1)2=(n+1)(n+2)2\begin{aligned} \frac{n(n+1)}{2} + (n+1) &= \frac{n(n+1)}{2} + \frac{2(n+1)}{2} \\ &= \frac{n(n+1) + 2(n+1)}{2} \\ &= \frac{(n+1)(n+2)}{2} \end{aligned}

Das ist genau die rechte Seite der Behauptung. Damit gilt die Formel für n+1n + 1, wenn sie für nn gilt. Zusammen mit dem Induktionsanfang stimmt sie also für alle n∈Nn \in \mathbb{N}.

Hier ist wieder eine Summe, aber diesmal mit Quadraten. Wir zeigen: Die Summe der ungeraden Quadratzahlen bis (2n−1)2(2n-1)^2 ist

12+32+52+⋯+(2n−1)2=∑k=1n(2k−1)2=n(2n−1)(2n+1)31^2 + 3^2 + 5^2 + \dots + (2n-1)^2 = \sum_{k=1}^{n} (2k-1)^2 = \frac{n(2n-1)(2n+1)}{3}

Induktionsanfang: Für n=1n = 1 ist die Summe nur 12=11^2 = 1. Die Formel liefert

1⋅(2⋅1−1)(2⋅1+1)3=1⋅1⋅33=1\frac{1 \cdot (2 \cdot 1 - 1)(2 \cdot 1 + 1)}{3} = \frac{1 \cdot 1 \cdot 3}{3} = 1

Das stimmt. Zur Probe noch n=2n = 2 und n=3n = 3:

12+32=10=2⋅3⋅5312+32+52=35=3⋅5⋅73\begin{aligned} 1^2 + 3^2 = 10 &= \frac{2 \cdot 3 \cdot 5}{3} \\ 1^2 + 3^2 + 5^2 = 35 &= \frac{3 \cdot 5 \cdot 7}{3} \end{aligned}

Induktionsvoraussetzung: Wir nehmen an, dass die Formel für ein beliebiges nn gilt:

∑k=1n(2k−1)2=n(2n−1)(2n+1)3\sum_{k=1}^{n} (2k-1)^2 = \frac{n(2n-1)(2n+1)}{3}

Induktionsschritt: Der nächste Summand ist (2(n+1)−1)2=(2n+1)2(2(n+1)-1)^2 = (2n+1)^2. Den addieren wir auf beiden Seiten der Voraussetzung:

∑k=1n(2k−1)2+(2n+1)2=n(2n−1)(2n+1)3+(2n+1)2\sum_{k=1}^{n} (2k-1)^2 + (2n+1)^2 = \frac{n(2n-1)(2n+1)}{3} + (2n+1)^2

Induktionsbehauptung: Wenn wir n+1n + 1 statt nn einsetzen, wollen wir zeigen:

∑k=1n+1(2k−1)2=(n+1)(2n+1)(2n+3)3\sum_{k=1}^{n+1} (2k-1)^2 = \frac{(n+1)(2n+1)(2n+3)}{3}

Induktionsbeweis: Wir klammern (2n+1)(2n+1) aus und fassen zusammen:

n(2n−1)(2n+1)3+(2n+1)2=(2n+1)(n(2n−1)+3(2n+1))3=(2n+1)(2n2+5n+3)3=(2n+1)(n+1)(2n+3)3\begin{aligned} \frac{n(2n-1)(2n+1)}{3} + (2n+1)^2 &= \frac{(2n+1)\left(n(2n-1) + 3(2n+1)\right)}{3} \\ &= \frac{(2n+1)(2n^2 + 5n + 3)}{3} \\ &= \frac{(2n+1)(n+1)(2n+3)}{3} \end{aligned}

Im letzten Schritt haben wir 2n2+5n+3=(n+1)(2n+3)2n^2 + 5n + 3 = (n+1)(2n+3) benutzt. Das ist genau die rechte Seite der Behauptung.

Wir haben nur den Anfang und den Schritt gezeigt und nicht jeden Fall einzeln nachgerechnet. Trotzdem reicht das, denn man kann es sich wie bei Dominosteinen vorstellen:

  • Der Induktionsanfang wirft den ersten Stein um. Die Aussage stimmt für n=1n = 1.
  • Der Induktionsschritt sagt, dass jeder Stein den nächsten umwirft. Wenn die Aussage für nn stimmt, dann auch für n+1n + 1.

Aus n=1n = 1 folgt n=2n = 2, daraus n=3n = 3 und immer so weiter. Jede natürliche Zahl kommt irgendwann dran, weil man bei 11 anfängt und immer nur um 11 weiterzählt. Das ist die Induktionseigenschaft der natürlichen Zahlen von oben1. Ohne den Anfang fällt kein Stein um und ohne den Schritt bricht die Kette irgendwo ab. Deswegen braucht man immer beides.

Titelbild3: Photo by Gabby K from Pexels.

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Peano-Axiome (abgerufen am 01.10.2026) ↩ ↩2

  2. https://www.youtube.com/watch?v=0QKB3i2tHNA (abgerufen am 01.10.2026) ↩

  3. https://www.pexels.com/de-de/foto/text-6238068/ (abgerufen am 27.09.2026) ↩